Ist nicht längst schon alles fotografiert worden?

June 09, 2015  •  Kommentar schreiben

(Test Blog-Entry)

Kürzlich habe ich einen Kommentar auf einer Fotowebsite gelesen in welchem der Autor die Frage aufwarf, ob denn nicht schon längst alles was es zu fotografieren gibt, bereits abgelichtet worden sei. Die Bedenken, die er in die Runde warf: "...es gibt nichts, aber auch gar nichts Neues mehr zu fotografieren. Jeder Sonnenuntergang, jeder Wasserfall, jede noch so exotische Landschaft, jede Sportart (aus jedem Blickwinkel, GoPro sei Dank) ist unterdessen schon längst und mindestens in tausendfacher Ausführung fotografisch festgehalten worden..."

Nun, dies ist sicherlich eine mögliche Betrachtungsweise. Aber schon Alan Watts schrieb in seinem Buch "The Way of Zen", dass die physikalische Welt ein Fluss sei, sich immer ändernd, nichts sei permanent, alles in Bewegung - manchmal schneller, manchmal langsamer.

Zu behaupten, dass es nichts mehr Neues zu fotografieren gäbe ist sicher nicht gänzlich falsch. Aber im Gegenzug auch irgendwie richtig ist die Aussage, dass jede Fotografie etwas Neues, etwas Unwiederbringliches darstellt - schliesslich hält man mit fotografischen Mitteln ja nur einen winzig kleinen Augenblick der Realität fest. Wenn man dabei die Analogie zu einem Fluss bemüht wird schnell klar, dass es keine zwei völlig identischen Augenblicke geben kann. Man kann zum Beispiel ein Leben lang Wolken fotografieren, wird es aber aus offensichtlichen Gründen nie schaffen, zwei völlig identische Abbildungen zu erreichen.

Zu sagen, es liesse sich nichts Neues mehr fotografieren ist somit genauso unwahr wie die Aussage, dass das Leben bereits gelebt sei, die Zeit aufgebraucht, dass sich in der Welt nichts mehr ändere und dass sich auch in Zukunft nichts signifikant Anderes mehr manifestieren werde, da ja bereits alles schon einmal (oder besser: beliebige Male) da gewesen sei.

Wie man solche Dinge auch immer betrachten mag: jede und jeder hat nur das eigene Leben, hat eine beschränkte Zeit zur Verfügung und erlebt Realität auf seine - oder ihre - ganz eigene Art. Jeder Tag ist neu, alles ändert sich fortwährend. Es gibt immer wieder Momente, welche einen berühren oder zum Staunen bringen, Licht, das man so noch nie gesehen hat, Erstaunliches in sonst vermeintlich vertrauter Umgebung... Die Wunder der visuellen Welt werden nicht weniger, sie sind in ihrer Vielfalt unendlich.

Aus dieser Sicht ergibt sich ein ganz anderer Schluss: die meisten guten, wundervollen, einmaligen Fotografien sind noch gar nicht gemacht worden - also zögern Sie nicht und halten Sie Ihre ganz persönlichen Momente, Ihre eigenen Interpretationen der Realität weiterhin fotografisch fest und Sie werden sehen, dass Sie immer wieder Abbildungen Ihrer Umgebung erschaffen, welche zu mindest für Sie selbst von Bedeutung und bleibendem Wert sind.

Und falls das eine oder andere Ihrer Bilder auch andere Menschen berührt, hat sich der Aufwand, die Kamera (oder das Handy) hervorzuholen bereits mehr als gelohnt, selbst wenn das Motiv schon unzählige Male vorher abgebildet worden ist...

(Juni 2015, Roger Riedi)

 

 


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